Erkältungszeit = Antibiotikazeit? NEIN!

Hessische Studie „Einflussfaktoren auf die Verschreibung von Antibiotika (EVA)“ zeigt Fortschritte aber auch weiteren Verbesserungsbedarf im Umgang mit Antibiotika
Die zunehmenden Antibiotikaresistenzen bei Bakterien sind ein ernstes Problem für die Gesundheit und das Gesundheitssystem, neue Antibiotika-Entwicklungen sind nicht in Sicht. Nimmt die Resistenzentwicklung weiter zu, gibt es für die Behandlung bestimmter Infektionen bei Menschen bald keine Medikamente mehr.

Fachwelt und Politik haben reagiert: Bundesregierung und Bundesgesundheitsministerium haben die Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie DART aktualisiert, die Weltgesundheitsorganisation WHO hat einen „Globalen Aktionsplan zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen“ vorgelegt. Dabei ist Konsens: Das Problem der Multi Resistente(n) Erreger (MRE) wird nur durch die gemeinsame Betrachtung und die Reduzierung des Antibiotikaverbrauchs in der Human- und der Veterinärmedizinbeherrschbar sein, es gibt nur eine Gesundheit auf der Erde für Mensch und Tier: „one-health“.

Hessische Ärzte setzen Antibiotika 2016 zurückhaltender ein als 2008
Hierzu bedarf es Interventionen auf vielen Ebenen. In Hessen haben die Landesärztekammer Hessen und das MRE-Netz Rhein-Main die niedergelassenen Ärzte zur Antibiotikaverschreibung in ihrer Praxis befragt. Der 2016 in Hessen durchgeführten Befragung war im Jahr 2008 eine bundesweite Befragung (EVA-Studie) vorausgegangen. „Über 800 von 6333 angeschriebenen Ärzte in Hessen sind unserem Aufruf gefolgt und haben uns einen Einblick in ihr Verschreibungs-Verhalten aber auch ihre Verbesserungswünsche gegeben“, berichtet der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Herr Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach.

Gemeinsam mit Frau Prof. Dr. Ursel Heudorf, der Leiterin des MRE-Netz Rhein-Main legt er nun die Ergebnisse vor: „Drei Viertel der antwortenden Ärzte in Hessen haben bereits Erfahrungen mit Therapieversagen bei antibiotika-resistenten Erregern gemacht. Sie sehen zunehmend die Relevanz der Antibiotikaresistenz auch in der Region und die Bedeutung ihres eigenen Verordnungsverhaltens für die Antibiotikaresistenzen in der Region. Vor diesem Hintergrund setzen sie Antibiotika zurückhaltender ein als noch vor 8 Jahren“. Der zurückhaltende, leitliniengerechte Einsatz von Antibiotika ist nicht nur das Ziel der EVA-Studie Hessen 2016, sondern auch eines weiteren Projekts des MRE-Netz Rhein-Main, der Aktion „Weniger ist mehr – Antibiotika verantwortungsvoll einsetzen“.
Stadtrat Stefan Majer, Gesundheitsdezernent der Stadt Frankfurt am Main zu den Aktivitäten des im Gesundheitsamt der Stadt angesiedelten Netzwerks: „Ich freue mich über die Aktivitäten dieses starken Netzwerks und unterstütze diese ausdrücklich.

Gerade in der jetzigen Erkältungszeit mit den vielen virusbedingten Erkältungskrankheiten besteht die Gefahr, dass Antibiotika eingenommen werden, obwohl sie gegen Viren gar nichts ausrichten können. Mit jeder Antibiotikabehandlung sind aber unerwünschte Nebenwirkungen wie die Beeinträchtigung der gesunden und normalen Darmflora mit Magen-Darm-Symptomen und das Risiko weiterer Resistenzentwicklung verbunden. Deswegen werbe ich für Impfungen und für Verzicht auf Antibiotika bei durch Viren verursachten Atemwegsinfekten. Hier sind alte Hausmittel das Richtige: Ruhe und Tee trinken statt Rezept und Pillen. Geben Sie Ihren natürlichen Abwehrkräften eine Chance, verzichten Sie bei diesen Infekten auf die „chemische Keule“ Antibiotika“.

„80 % der Infekte der oberen Luftwege sind viral bedingt, da sind Antibiotika nicht von Nutzen“ betont auch Prof. Ursel Heudorf. „Aber viele Ärzte haben den Eindruck, dass ihre  Patienten unbedingt ein Antibiotikum-Rezept wünschen, wenn sie wegen eines Atemwegsinfekts in die Praxis kommen.

Erfreulich an der neuen Umfrage in Hessen war, dass die Ärzte im Jahr 2016 seltener als noch im Jahr 2008 angaben, aus solchen Gründen ein Antibiotikum zu verordnen. Mit den Aktivitäten unseres Netzwerks, den Flyern und Plakaten „Weniger ist mehr“, wollen wir die Bevölkerung informieren, wie sie am besten bei Infekten der oberen Luftwege wieder gesund werden – ohne Antibiotika. Nutzen Sie unseren Flyer, fragen Sie Ihren Arzt um Rat, was Ihnen wirklich hilft“.

Ärzte sehen weiteren Verbesserungsbedarf
Gefragt nach Verbesserungsvorschlägen nannten die Ärzte am häufigsten die Erfassung regionaler Antibiotikaresistenzen, bundesweit einheitliche Leitlinien, Beseitigung finanzieller Nachteile durch Laboruntersuchungen bei Infektionserkrankungen und Erfassung individueller Antibiotikaverordnungen mit geeigneter Rückmeldung für behandelnde Ärzte.

„Die Landesärztekammer Hessen wird gemeinsam mit anderen Akteuren nach Wegen suchen, diese Vorschläge umzusetzen. Als eine der ersten Kammern haben wir vor wenigen Tagen mit Kursen und Weiterbildung zum Antibiotika-Experten gestartet und wir bieten viele Fortbildungen zum leitliniengerechten Antibiotikaeinsatz an“ betont der Präsident der Landesärztekammer Hessen. Diese ist auch Kooperationspartner der Aktion „Weniger ist mehr“. Im Bereich des MRE-Netz Rhein-Main hat sich darüber hinaus eine Arbeitsgruppe Antibiotika gegründet, in welcher Ärzte verschiedener Fachrichtungen – Infektiologie, Intensivmedizin, Hygienik, Mikrobiologie sowie Apotheker und Hygienefachkräfte gemeinsam Strategien und praktikable Umsetzungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Antibiotikatherapie in der Region entwickeln.

Das MRE-Netz Rhein-Main plant verschiedene Aktionen, zur Information der Öffentlichkeit rund um Infektionen und Antibiotika. Am Samstag, den 14.01.2017 wird der Gesundheitsdezernent der Stadt Frankfurt am Main, Stadtrat Majer, gemeinsam mit dem Netzwerk hierzu an einem Informationsstand auf Fragen der Bevölkerung eingehen und über den verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika informieren. Hierzu wird eine gesonderte Presseinformation folgen.

Die Studie „Einflussfaktoren auf die Verschreibung von Antibiotika (EVA)“ ist auf der Internet-Seite des MRE Netz Rhein-Main unter www.mre-rhein-main.de/ veröffentlicht.

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